"Nadeshda" ist für meine Familie zum Fenster in die Zukunft geworden

Ende April 1986 war es trocken und warm. Darüber, was im Atomkraftwerk Tschernobyl geschehen ist, hat uns weder im Fernsehen noch im Radio jemand berichtet. Alles war wie immer. Die Kinder haben barfuß im Hof gespielt, und sich über das gute Wetter gefreut. Meine Familie hat damals im Bezirk Kritschew Gebiet Mogiljow gewohnt. Ich habe mit meiner Frau Swetlana an der Mittelschule Botwinowo gearbeitet, ich habe Geschichte unterrichtet und meine Frau Mathematik. Meine Tochter Aljona war 6 Jahre und Sohn Dmitrij 4 Jahre alt. Ich kann mich gut daran erinnern, dass es vor dem 1. Mai geregnet hat und sich nach diesem Regen an den Rändern der Pfützen breite gelbe Kreise gebildet haben. Diese Erscheinung haben wir zum ersten Mal gesehen, aber nachher hat man uns erklärt, dass das Blütenstaub von den blühenden Pusteblumen war und wir haben das geglaubt. Am nächsten Morgen hatten wir starke Kopfschmerzen, und wenn man lange Zeit auf der Straße war, hat man den Geruch vom verrosteten Eisen gespürt. Was es zu bedeuten hatte, wusste niemand und konnte niemand erklären. Die Kinder haben barfuß in diesen gelben Pfützen gespielt. Erst später haben wir erfahren, dass diese Zitronenfarbe durch Strontium verursacht wurde. Am 1. Mai war die ganze Bevölkerung des Dorfes im Freien und hat gefeiert. Es war sehr warm, die Sonne schien stark, aber das war irgendwie unangenehm. Man hat auf der Haut kleine Stiche gespürt. Nachmittags war ich Angeln. Am unseren Fluss Shukowka habe ich ein paar Lieblingsplätze, wo die Barsche gut anbeißen und wo ich problemlos 2-3 Kilo Fich fangen konnte. Als ich mein Angelzeug vorbereitet habe, habe ich etwas Ungewöhnliches gesehen: große Barsche, die sich sonst immer in der Tiefe versteckt haben, waren ganz ruhig oben und haben mich einfach nicht bemerkt. Das war merkwürdig. Aber an diesem Tag hat der Fisch nicht angebissen. Erst am 3. Mai hat man uns über Havarie im Atomkraftwerk berichtet. Dabei haben sie gesagt es sei nicht gefährlich, wir waren 180 km entfernt und die Strahlung kommt nicht zu uns. Später wurde klar, dass das eine Lüge war, aber wir haben das wieder geglaubt. Zum Ende dieses Sommers haben die Kinder angefangen, massenweise krank zu werden. Das war wie eine Grippeepidemie. Bei den kleinen Kindern wurden die Lymphknoten größer und die Temperatur des Körpers hat sich erhöht. Die Krankheiten haben wochenlang gedauert. Die Ärzte haben damals bei allen die allgemeine Diagnose „Lymphadenitis“ festgestellt. Und zwar nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen. Im Jahr 1989 wurden reguläre Untersuchungen der Schüler der Mittelschule in Botwinowo durchgeführt. Nur bei zwei Kindern wurde nicht Lymphadenitis festgestellt. Diese Kinder waren vor einiger Zeit aus Russland in unser Dorf gezogen. Nach der Untersuchung hat mich der Arzt an die Seite geholt und gesagt: „Du hast sehr kleine Kinder. Wenn du gesunde Enkelkinder haben willst, lass alles hier und fahre weg, nur sag keinem, was ich dir gesagt habe“. Ich habe das natürlich nicht verschwiegen, weil auf meiner Straße fast in jedem Haus kleine Kinder waren. Und meine Aljona und Dimka waren unter ihnen die ältesten. Ab Herbst haben meine Frau und ich angefangen, Briefe an alle möglichen Adressen der damaligen Sowjetunion zu schreiben. Während des Winters haben wir etwa 50 Antworten mit der Einladung zur Arbeit bekommen. Im Laufe des Sommers 1990 habe ich fast alle Ortschaften, aus denen die Einladungen kamen, von Kaliningrad bis Wolga besucht. Ich habe das Dorf Popelewo im Bezirk Prushany in Belarus gewählt. Wir sind im August 1990 dahin gezogen. Die Landschaft dort war bezaubernd schön, denn da war der Belowesher Urwald. Aber dieses Märchen hat nicht lange gedauert. Nach einem Jahr zerfiel die Sowjetunion. Es hat ein großes Durcheinander begonnen. Meine Familie war in einer komplizierten Situation. Die Wohnung, die uns anstelle des verlassenen Hauses versprochen worden war, haben wir nicht bekommen. Es gab keine Perspektive. Der Bus in die 47 km entferne Bezirksstadt Prushany fuhr bis dahin sechsmal am Tag und nun nur noch einmal in der Woche.

Im Frühling 1995 habe ich zufällig in einer Zeitung die Ausschreibung für die Stellen der Pädagogen im Kinderzentrum „Nadeshda“ gelesen und habe mich beworben. Im Ergebnis war ich schon im August in „Nadeshda“ angestellt. Im nächsten Jahr kam die ganze Familie zu mir. Ich und meine Frau Swetlana haben im Kinderzentrum fast 20 Jahre gearbeitet. In dieser Zeit sind unsere Kinder groß geworden und haben Ausbildungen gemacht. Meine Tochter Aljona hat ein Praktikum im Kinderzentrum „Nadeshda“ gemacht und hat damals ihren zukünftigen Mann Ruslan kennengelernt. Der Sohn Dmitrij hat auch eine eigene Familie gebildet. Seine Frau Ekaterina stammt aus dem Bezirk Bragin. Als sie schwanger wurde, hat man bei ihr Schilddrüsenkrebs festgestellt. Es stellte sich die Frage: Abtreibung oder Geburt. Sie haben es riskiert. Jetzt geht meine Enkeltochter Karina in die vierte Klasse und im Februar kam der kleine Bruder Kirill zur Welt. „Nadeshda“ ist für unsere Familie zum Fenster in die Zukunft geworden. Es ist nicht zufällig, dass unsere kleinste Enkeltochter Stefania am 24. September am Geburtstag von Nadeshda geboren wurde. Jetzt sind wir Rentner. Wir wohnen in Wilejka. Unsere Kinder wollten nach Beendigung des Studiums nicht weit weg von uns wohnen. Sie haben ihre Wohnungen in dieser Stadt gebaut, haben uns drei Enkeltochter und einen Enkelsohn geschenkt. Das freut uns sehr, weil wir nicht weit voneinander leben müssen.